Agigimpong: Vom Mädchen, das nicht heiraten wollteposter Blog

Die Botschaft des Flechtmusters «Agigimpong» bei den Agabag in Ostkalimantan, Indonesien «Es waren einmal ein Junge und ein Mädchen, die wurden einander als Kinder verlobt, wie es noch immer Brauch ist bei den Agabag. Doch als sie heranwuchsen und die Zeit kam, da sie heiraten sollten, merkte das Mädchen, dass es den Mann nicht liebte, und der Gedanke an Heirat erfüllte es mit Abscheu. Aber es getraute sich nicht, dies ihrem ausersehenen Verlobten oder ihrem Schwiegervater geradeheraus zu sagen, denn es war ein gutes Mädchen, fleissig, wohlerzogen und bewandert im Adat, den Sitten und Bräuchen, die sich bei ihnen gehörten. Eine lange Zeit dachte es nach und schliesslich beschloss es, ein Muster zu flechten, das ihnen einen Hinweis geben sollte. Und so erfand es ein neues Muster, flocht damit einen Tragkorb und liess ihn dem Vater seines Verlobten bringen. Er verstand nicht, warum er den Korb bekam. Das Muster war ihm unbekannt, und er konnte seine Botschaft nicht lesen. Er zeigte es seiner Frau und fragte sie nach ihrer Meinung. Sie betrachtete den Korb und sagte: ‹Ich glaube, es bedeutet, dass sie nicht mit unserem Sohn zusammen leben will.› Sie hatte nämlich entdeckt, dass das neue, fremde Muster an das Jungfrauenmuster Sinumandak erinnerte, das schwierige Probestück, das ein Mädchen beherrschen muss, bevor es heiraten kann und auf einer grossen Matte als Aussteuer in die Ehe bringt. Doch wo sich die Linien harmonisch treffen sollten, wendeten sie sich von einander weg. Das musste das Zeichen sein, dass sich die beiden Verlobten nicht finden können. ‹Aber wir wollen den Korb zurück schicken und schauen, ob er wieder zu uns kommt.› Also sandten sie ihn zurück, und alsbald schickte ihn das Mädchen wieder zu ihnen. Noch einmal sandten sie ihn zurück, und zum dritten Mal kam er wieder zu ihnen. Und so wussten sie nun, dass der Korb eine Botschaft enthielt. Das Mädchen würde ihren Sohn nicht heiraten. Doch war es bereit, die Brautgabe zurück zu geben, die seine Familie bereits erhalten hatte. Das gute Mädchen hatte offenbar auch einen Vorschlag zur Lösung des Problems in das Muster geflochten. Die lange gewundene Linie und die kleinen isolierten Formen mussten der Weg sein, der den jungen Mann zu den wertvollen Gegenständen zurückführen konnte, den vielen Gongs, den grossen, antiken Krügen und den Perlen, die seine Leute bei der Verlobung bezahlt hatten. Diese Lösung gilt noch heute im Gesetz der Agabag, wenn eine Verlobung oder Ehe ‹Agigimpong›, das heisst auf Wunsch der Frau, aufgelöst wird.»

Foto Margrit Linder Agabag Flechtmuster; Agigimpong aus Tanjung Langsat, Nordkalimantan, Indonesien; Material Rattan