„Frauen machen Geschichte – und haben Geschichten zu erzählen“
am 8. Juni

Eine grosse Anzahl an Frauen versammelte sich in der Kapelle des Missionshauses zur Frauenkonferenz, welche in der Jubiläumswoche von 200 Jahre Basler Mission im Missionshaus stattfand. Begrüsst wurden die Anwesenden von der Präsidentin der Fachkommission Frauen & Gender, Irmgard Frank. Die Leiterin der Stabstelle Josefina Hurtado Neira sprach sich dafür aus, einen Marschhalt zu machen: Das Erreichte zu würdigen und zu überlegen, wohin die Reise gehen sollt. Nach wie vor sei es wichtig, dass Frauen ihre unterschiedlichen Stimmen erheben könnten, bei Entscheidungsfindungen einbezogen würden, sich ihre Lebensbedingungen verbesserten und dass immer wieder Hoffnungsgeschichten zu Gehör gebracht würden.

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Gruppenbild der Internationalen Frauenkonferenz

Einen Blick in die bewegte Geschichte des Engagements von Frauen in der Basler Mission machte anschliessend Pia Müller, Geschäftsführerin der Basler Mission. So hätten Frauen immer sehr schnell gesehen, wo Not gewendet sein wollte und hätten mit beherzten Initiativen in aller Bescheidenheit viel in Bewegung gesetzt. Durch praktische Tätigkeiten hätten sie als Missionarsfrauen zuerst und dann viel später als Ausgesandte rasch Kontakt zu einheimischen Frauen gefunden. Zuweilen mag Abenteuerlust mit dabei gewesen sein, weshalb sich jungen Frauen als „Missionsbräute“ gemeldet hätten. Im 19. Jhd. Seine auch hierzulande arrangierte Ehen gang und gäbe gewesen. In der Heimat hätten sich wiederum andere Frauen in Kollektenvereinen zusammengeschlossen, um mit sogenannten „Halbbatzenkollekten“ Geld für die Tätigkeiten in den Missionsländern zu sammeln. Noch heute beeindruckten sie Frauen, welche nach wie vor von Tür zu Türe gehen, um kleinere oder grössere Spenden zu sammeln!

Über die „Dekolonisierung der Geister“ als Herausfordeung für die heutige Mission sprach anschliessend die Afrobrasilianerin, in Costa Rica lehrende Theologin und Koordinatorin der lateinamerikanischen Kontinentalversammlung von mission21 Silvia Regina de Lima Silva: Im Bereich der Mission sei eine Krisis der Paradigmen festzustellen; Mission hätte gerade auch in Lateinamerika an der Kolonisierung der individuellen wie der kollektiven Körper partizipiert und damit Macht ausgeübt. Entstanden sei dabei Narben durch kulturellen wie religiösen Rassismus insbesondere bei Menschen und Volksgruppen indigener und afrikanischer Abstammung. Widerstand und Überlebensstrategien, wie die im krausen Haar versteckten Pflanzensamen (wie von der Referentin gleich demonstriert wurde) gehörten seit der Conquista im 16. Jhd. dazu. Das kulturelle wie religiöse Erbe sei unbedingt einzubeziehen in heutige Konzepte von Mission; aus Objekten sollen Subjekte werden. Mission sei neu zu definieren als „Dialog der Weisheitslehren“. Mission müsse in diesem Sinne neu gedacht werden.

2 people at the conference

Teilnehmende der Konferenz

Anschliessend berichtete Lucy Kumala, Pfarrerin der „Basel Christian Church of Malaysia“ und Koordinatorin des Frauennetzwerkes Asien über ihr Engagement gegen Menschenhandel in ihrer Region. Insbesondere Kirchen und andere Organisationen der Zivilgesellschaft seien gefordert; da sei noch viel Bewusstseinsarbeit für die Problematik nötig! Insbesondere Frauen und Kinder kämen in die Problematik hinein, welche armutsbetroffen seien und nur über wenige bis keine wirtschaftlichen Perspektiven besässen. Deshalb seien Projekt von Einkommensförderung so wichtig.

Unter dem Titel „Führung im Kontext von politischer Gewalt“ die Koordinatorin des Frauennetzwerkes Afrika, die Pfarrerin der nigerianischen „Kirche der Geschwister“ Susan Mark ihre anspruchsvolle Arbeit mit Vertriebenen, welche sich von Grund auf eine neue Existenz aufbauen müssen. Leitung in diesem Kontext versteht sie als Engagement, Menschen mit Hilfe zur Selbsthilfe wieder Boden unter den Füssen zu verschaffen. Dazu gehören nebst Nothilfe, Anleitung zur Einkommensgewinnung auch Angebote zur Bearbeitung der erlittenen Traumata. Dafür besuchte sie gemeinsam mit Mitstreiterinnen Workshops u.a. in Rwanda, um dann in ihrer Heimat mit diesem Instrumentarium arbeiten zu können.

Darauf, dass in diesem Kontext religiöser Gewalt Frauen doppelt Opfer würden; nämlich zuerst als Vertriebene, Entführte, Vergewaltigte und dann wieder zurück gekehrt in ihre dörflichen gemeinschaften als Ausgegrenzte und Ausgestossene, erinnerte die Direktorin von mission21, Pfarrerin Claudia Bandixen. So wurde von ihr zusammen mit Susan Mark die Resolution an Vertreterinnen kirchlicher Stellen, Missionswerken wie Nichtregierungsorganisationen übergeben mit dem Appell, sich ebenfalls solidarisch zu zeigen mit den Opfern von Boko Haram.

3 resolution

Claudia Bandixen und Suzan Mark übergeben die Resolution an Fulata L. Moyo vom Ökumenischen Weltkirchenrat ÖRK (World Council of Churches WCC), an Elaine Neuenfeldt vom Lutheranischen Weltbund LWB (Lutheran World Federation LWF), und an Ute Seibert, Evangelisches Frauenbegegnungszentrum, Frankfurt am Main.

Als Überleitung in die Workshop erzählte Elaine Neuenfeldt die Sekretärin für Frauen in Kirche und Gesellschaft des Lutherischen Weltbundes die Geschichte der Frau, deren Kleid unzälig viele Taschen hatte, aus denen sie Geschichten und Worte zauberte.

Hier die Eindrücke aus einigen Workshops, wie sie von Mitgliedern der Fachkommission Frauen und Gender zusammen gestellt worden sind:

Ruth und Noemi-Frauen schreiben Geschichte

Mit Fulata L. Moyo, Programmleiterin Frauen in Kirche und Gesellschaft im Ökumenischen Rat der Kirchen und Heidi Zingg Knöpfli, Studienleiterin mission21.

Die Geschichte von Noemi und Ruth wurde gelesen bis zu der Stelle, wo Ruth einen Sohn von Boas hat. Es wurde immer wieder inne gehalten und dann wurden wir Teilnehmerinnen aufgefordert, uns jeweils an die Stelle (einmal war das Noemi, einmal Ruth, einmal Boas) zu versetzen. Speziell zu diskutieren gab die Passage, wo Noemi Ruth auffordert, zu Boas zu gehen und sich zu seinen Füssen zu legen, sich ihm quasi anzubieten. Im heutigen Kontext könnte diese Aufforderung Noemi‘s als Human Trafficking bezeichnen.

Doch was waren die Beweggründe für Noemi in der damaligen Zeit? Waren es vielleicht  wirtschaftliche Gründe/Absicherung für Ruth und auch  für Noemi? Wie würden wir uns heute fühlen und wir würden wir reagieren, wenn wir so manipuliert werden? Wie war das für Boas, als er erwachte und die Frau vor seinen Füssen fand?

Die Antworten waren sehr unterschiedlich, auch aus den verschiedenen Kontinenten. Eine Teilnehmerin aus einem Asiatischen Land sagte, dass wäre bei Ihnen noch vor kurzem möglich gewesen, seit dem industriellen Aufschwung seien die Frauen aber selbstbewusster geworden und würden vieles selbst bestimmen.

Einig war man, dass eine wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen – egal in welchem Kontinent – meist verhindert, dass Frauen verkauft werden oder zur Prostitution gezwungen werden. (Marlies Flury).

Storytelling by Painting

Angeleitet von Rahel Weber, Theologiestudentin, Universität Basel.

Der Workshop vereinte Teilnehmende aus Chile, Indonesien, Malaysia, Deutschland, der Schweiz …

Es begann mit einer kurzen Vorstellungsrunde, wo jede und jede Namen, Herkunft und seine oder ihre früheste bzw. erste Erinnerung (“earliest memory”) nannte. Danach lautete die Aufgabe: Wir malen unsere Geschichten und teilen sie miteinander.

Zu stimmungsvoller Musik malten alle „ihre Geschichte“, mal persönlicher, mal mehr auf die Situation des Landes bezogen. Am Schluss konnten diejenigen, die wollten, das Bild der Runde zeigen und einige Worte dazu sagen.

Beeindruckend war die Unterschiedlichkeit der Lebensgeschichten, aber auch die Gemeinsamkeiten, die es trotz aller Verschiedenheit gab. Manche Bilder zeigten bedrückende, andere eher frohe Szenen, doch auf vielen der Bilder verbanden sich Dunkles und Hoffnungsvolles. Bei den Erklärungen nahmen die Teilnehmenden (die Sprecherinnen und Sprecher/ die Künstlerinnen und Künstler) auf einander Bezug und es zeigten sich zuweilen überraschende Anknüpfungspunkte. So kam es wirklich zu einem „Teilen“ der Geschichten, Sharing im besten Sinne. Auch das Gesamtbild berührte, als die Bilder auf zwei Tischen lagen und betrachtet werden konnten – jedes ein Ausdruck von Lebens-Kunst!

In die Schlussmeditation brachte die Gruppe ein Blatt voller Zukunftshoffnungen, die die Teilnehmenden ausgehend von ihren Geschichten formuliert hatten. (Kirsten Jäger)

Flechtmotive erzählen Geschichten vom Leben

Mit Claudia Hoffmann, Assistentin am Lehrstuhl für Aussereuropäisches Christentum, Universität Basel.

Wir haben uns angeschaut, aus welchem Material die Matten in Borneo geflechtet werden- Rotan (auf deutsch Rattan)-, wie es gewonnen und verarbeitet wird. Dann haben die Frauen aus Kalimantan und Sabah erzählt, wer flechtet (Frauen) und zu welchem Zweck (Einkommensgewinnung). Danach habe ich zu verschiednen Motiven etwas gesagt (Flora und Fauna, Mythologie, aber sogar auch weltgeschichtliche Ereignisse), wir haben alte und neue Matten betrachtet. Und dann selber mit Papierstreifen zu flechten versucht, was ganz schön schwierig war! In meinem Workshop waren auch einige ältere Frauen, die selber jahrelang in Kalimantan waren- für sie war es vielleicht ein Stück Lebensgeschichte? (Claudia Hoffmann)

Auf den Spuren der Geschichten (n)

Stadtrundgang mit Veit Arldt: Ich war auf dem Stadtrundgang. Es war auch für mich als Baslerin sehr interessant und informatif, leider nur fast zu kurz. Es gab einen kurzen Einblick in das Missionhaus, in die Basler Handelsgesellschaft, in den Haushalt von Spitteler mit seinen Studenten und der schwarzen Haushälterin… (Vreni Blum)

Widerstehen, Überwinden, Erinnern

Die Politik des Nähens, Ausstellung kuratiert von Roberta Batic, freie Arpillera-Kuratorin.

In der Ausstellung waren genähte Geschichten präsent von schrecklichen Ereignissen aus Chile, Peru aber auch Irland und Grossbritannien. Diese Art des Verarbeitens und in Erinnerunghaltens von individuellen und kollektiven Traumatas wurde in Chile von Frauen erfunden, welche so nach dem Sturz von Salvador Allende und der darauf folgenden Diktatur Pinochet sich mit dem Terror des Verschwindenlassens ihrer Angehörigen reagierten. Dazu benutzten sie Alltagsmaterialien; Stofffetzen und Strümpfe, um die Püppchen und das ganze Bild zu gestalten. Diese Art der Auseindandersetzung fand jedoch auch Verbreitung in anderen Kontexten. Die Kuratorin ermunterte uns, in Dialog mit den Bildern und auch untereinander zu treten. Betroffen machte mich persönlich eine Arpillera, welche zeigte, wie Flüchtlinge übers Mittelmeer zu kommen versuchen. (Esther Gisler Fischer)

4 final round

Schlussrunde im Plenum

Aus den Workshops wurde je ein Symbol in die Schlussmeditation mitgebracht. Anschliessend wurde Frauen aus Mission, Kirche und Theologie gedacht und ihre Namen auf Muschelperlen geschrieben und auf einer Schnur aufgereiht.

Das anschliessende Fest mit Apéro riche, Livemusik u.a. aus dem Jubiläumsmusical der Basler Mission und vielen Begegnungen zwischen den anwesenden Frauen bewies es: „Das Fest ist hier!“ (nach den italienischen); -nämlich gerade da, wo Frauen das Leben und ihre Beziehungen untereinander feiern und den Alltag zu einem Fest machen.

Esther Gisler Fischer


 

 

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